500 Kilometer an die Ostsee mit 13 anderen Fahrern der Parallelen Passion

100 Kilometer? Schaffe ich niemals!

100 Tage auf dem Rennrad sollten mich auf meine erste Ostseetour vorbereiten. Mit dem Fahrrad von Leipzig an die Ostsee – ein Jugendtraum von mir. Und genau dieser Jugendtraum sollte Realität werden. Da ich ein Navigationslegastheniker bin, kam nur eine Gruppenfahrt mit Guide in Betracht, wenn ich irgendwann zielführend ankommen will. Mit viel Ehrgeiz und manchen Tipps von Sven Ole Müller habe ich meine Touren Woche um Woche immer mehr gesteigert. 40 Kilometer ist meine Hausstrecke, easy, 100 Kilometer schaffe ich nie. Dachte ich. Doch, es ging. Zwei Wochen vor der Tour erfolgte dann der erste Härtetest: von Leipzig nach Magdeburg und nach zwei Tagen wieder zurück – jeweils 140 Kilometer Strecke. Ohne diese zwei Tage Pause hätte ich das wahrscheinlich nicht geschafft. Und der Tourstart am 5.Juni 2020 rückte bedrohlich immer näher.

Was für Faxen!

Ich bin vorher noch nie in einer Gruppe gefahren. Theoretisch war mir klar, dass das Windschatten satt bedeutet, also dass man direkt hinter einer anderen Person fährt und wenig Gegenwind abbekommt, aber wenn vorn einer stolpert fallen alle einfach wie Kegel übereinander her… Ein Rhythmus musste sich erst noch einstellen. Ich kannte so gut wie keinen der anderen Mitfahrer. Alle waren freundlich, die Jüngste war sogar erst 15 Jahre alt. Von schmal bis Kraftpaket war alles vertreten. Mit meinem Retrobike war ich wohl so etwas wie der Exot der Gruppe. Ob die anderen ahnten, dass ich keinen blassen Dunst hatte, worauf ich mich hier einließ?

Vor mir machten einige immer so komische Faxen während der Fahrt: rechte Hand nach unten und Marmeladenglas zuschrauben; linke Hand hinterm Rücken nach rechts; Zeigefinger nach unten…was soll das denn? Erst allmählich wurde mir klar: Das sind wichtige Zeichen bei einer Gruppenfahrt. Marmeladenglas bedeutet zum Beispiel „Achtung, unruhige Passage!“, linke Hand hinterm Rücken nach rechts kündigte Gegenverkehr an. Wie durch Zauberhand verwandelte sich die Paarformation dann recht schnell in eine Kettenformation. Zeigefinger nach unten heißt „Achtung, Schlagloch!“ dort wo der Finger hinzeigt. Witzig, man musste nicht mal das Gespräch mit dem Nebenmann unterbrechen und meisterte dadurch so manche schwierige Passage ohne abzubremsen. Es gab noch weitere Tipps: „Weg!“ bedeutet, dass das Führungspaar etwas langsamer fahren soll.

Auf den Po schauen erwünscht!

Den schönsten Tipp gab Konrad, der Tourtrainer: „Immer dem Vordermann oder der Vorderfrau auf den Po schauen.“ Ich kann sagen, es waren wirklich schöne Pos dabei. Konrad hatte noch ganz andere, wesentlich hilfreichere Ratschläge parat, die auch wirklich geholfen haben die Strecke als absoluter Laie zu meistern. Erst nach und nach wurde mir klar, wer Dr. Konrad Smolinksi eigentlich ist. Es lohnt sich, ihn einmal zu googlen.

160 Kilometer sind wir gefahren und danach kannte ich auch die Gesichter und Geschichten der anderen 13 Mitfahrer und unserer Servicecrew. Letzteres war der pure Luxus, unsere 14 Radler wurden von drei Fahrzeugen begleitet. In schwierigen Streckenabschnitten fuhr ein VW-Bus mit Warnblinker hinter uns her. Das fühlte sich sehr viel sicherer an.

Die zweite Etappe

In dem gleichen Tempo wie bei der ersten Etappe sollte es am zweiten Tag sogar 180 Kilometer weit gehen. Das ist definitiv meine Angstetappe! Ich bin noch nie so weit gekommen und erst recht nicht mit 28 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Es kam wie es kommen musste: nach 80 Kilometern war Feierabend bei mir. So ein Scheiß! Noch 100 Kilometer in dem Affenzahn – ohne mich. Sollte so der Jugendtraum zerplatzen? Nein! Ich halte jetzt gleich an, setze mich ins Gras, lasse die Gruppe weiterziehen und ruhe mich aus. Dann radele ich die Etappe ganz gemütlich allein vor mich hin – denn aufgeben kommt nicht in Frage. So mein Plan.

Sven Ole Müller, der Initiator der Ostseetour, sah mich etwas zurückfallen, er kam auf meine Höhe, ich stammelte „Motivationsloch!“ und er ignorierte das einfach, sortierte mich hinter einem „Riesen“ (Sorry Hübschi) ein, mitten in die Gruppe, damit ich besseren Windschatten hatte. Sven Ole sagte „Quatsch, komm!“ und gab mir etwas Wattunterstützung. Und so schob mich Sven Ole sanft durch mein Motivationsloch nach vorn wieder in den Einklang der Gruppe. Es hat nur ein paar Minuten gedauert, bis ich wieder im Flow war. Und dann rollte es einfach. Tatsächlich standen am Abend 180 Kilometer auf der Uhr – mein Rekord – und 14 x 180 Gruppenkilometer – Wahnsinn!!

aus einem Jugendtraum wird Realität, Aus einem Jugendtraum wird Realität

Am Abend kam noch hoher Besuch: Detlef Koepke, der Initiator der Mecklenburger Seen Runde, brachte uns ein Riesenpaket Schokolade, ultraleckere Frischkäsepralinen und viele Geschichten aus seinem spannenden Leben mit. Zum ersten Mal saßen die Radfahrer, die Supportcrew und Gäste bis spät in die Nacht zusammen und jeder durfte seine Geschichte erzählen.

Die dritte Etappe

Letzte Etappe – bisher ist alles weitestgehend gut gelaufen – heute gebe ich *erstrechtnicht* auf, wenn die Führungscrew zu schnell fährt. Aber vielleicht fordern die ersten beiden Tage ihren Tribut und Luft und Energie sind auf der letzten Etappe raus? Nach einem ordentlichen Frühstück geht es dann los. Mir ist etwas mulmig. Nach 5 Kilometern bin ich im Flow, dem Zustand, in dem alles mit sich im Reinen und keine Anstrengung zu spüren ist. Und der verlässt mich nicht eine Sekunde, bis ich die Ostsee sehe. Alles läuft besser.

Die gesamte Gruppe fährt kompakt, zügig und die Räder scheinen alle miteinander verbunden zu sein. Wir haben uns eingefahren und sind nun ein Team auf Zeit und Rad geworden. Das fühlte sich richtig gut an und die knapp 140 Kilometer waren schneller absolviert als ich am Morgen noch dachte. Das Wetter spielte die ganze Zeit ordentlich mit: Wind von leicht schräg hinten und immer wieder schaute die Sonne zwischen den Wolken herunter, ob es uns auch gut geht bei unserer Reise. Wie würden sich wohl Tag 4 und 5 anfühlen, bei der spannenden Entwicklung der ganzen Gruppe? Doch hier ist das Ziel erreicht: Die Ostsee!

aus einem Jugendtraum wird Realität, Aus einem Jugendtraum wird Realität

Am Ziel

Ich bin in den drei Tagen insgesamt 481 km mit dem Rad gefahren. Ich habe dabei viele interessante Menschen kennen und schätzen gelernt. Wir sind zusammen wie eine Einheit im Einklang durch Dörfer, über Landstraßen und durch verwinkelte Waldgassen gefahren. Ein ungewohnter konzertanter Föhn der 28 Reifen auf dem Asphalt war unser treuer Begleiter. Passanten spendeten sogar überraschend Applaus, als unsere Gruppe in strenger Formation quasi um die Ecke flog. Was für ein Bild! Was für ein Sound! Was für ein schönes Erlebnis! Und aus dem einstigen Jugendtraum wurde nun Realität.

Dieser Text wurde von Lars Richter geschrieben. Hier geht´s zu seinem Strava-Profil.

One thought on “Aus einem Jugendtraum wird Realität

  • Glückwunsch zu diesem tollen Erlebnis und dem Erfüllen des Jugendtraums! Von Berlin sind es ‚nur‘ gut 270km bis zur Ostsee, die ich zusammen mit einem Freund dieses Jahr zum 6. Mal in zwei Etappen absolviert haben – leider ohne Tourenbegleitung und dafür mit Gepäck am Tourenrad. Auch dabei immer wieder tolle Momente, wenn wir durch wundervolle Landschaften rollen, uns gegen den Wind (bei uns kommt der irgendwie immer von Norden…) stemmen und uns schon viele Kilometer vorher auf die inzwischen bekannten ‚Verpflegungspunkte‘ freuen 🙂

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