Menschen hinter der Parallelen Passion: Imme Mattern

Seit Ende Juli ist es amtlich: Imme Mattern ist eine der wenigen Frauen, die in den „Club des Cinglés“ aufgenommen wurden – in den Club der Verrückten. Das ist ein französischer Club für Fahrradfahrer, die innerhalb von 24 Stunden alle drei Routen des Mont Ventoux bezwungen haben. Ein Bergabenteuer in Corona-Zeiten.

Von Haus aus fotogen

Ihr Instagram-Profil lässt vermuten, dass Imme ein Model im besten Alter ist. Doch die Braunschweigerin winkt ab. „Ich bin als Controllerin tätig“, erzählt sie lachend. „Meine beste Freundin hat aber eine Boutique für Secondhand-Kleidung. In der lasse ich mich gerne fotografieren. Auch, um für Nachhaltigkeit zu werben!“

Sportlich mit VW-Bus

Imme ist eigentlich in der Welt der Bücher und der Kunst zu Hause. Sehr bald nach dem Studium sattelte sie aufs Steuerfach um. Außerdem begann sie, den Ausdauersport für sich zu entdecken. Sie begann mit dem Laufen, getreu dem Motto des großen Läufers Emil Zatopek: Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft. Auch an einem Marathon nahm Imme teil. „Nach einer Trennung saß ich vor ein paar Jahren alleine mit einem VW-Bus herum. Okay, dachte ich. Dann probiere ich das halt aus, solo mit dem Bus unterwegs zu sein“, erzählt Imme.

Ich bike also bin ich, Ich bike, also bin ich

Drei Wochen Frankreich

Am liebsten tourt sie nach Italien und Frankreich. Da man ohne Fahrrad auf Campingplätzen aufgeschmissen sei, habe sie ihr Mountainbike und mittlerweile auch ein Rennrad immer dabei. Wegen Corona wollte sie im Sommer 2020 allerdings nicht so viel herumfahren wie sonst. So kam der Tipp eines französischen Bekannten gerade recht, drei Wochen im Juni auf einem kleinen Campingplatz am Mont Ventoux zu verbringen, mitten in der Provence.

Verrücktes Vorhaben

„Der Berg fasziniert mich auch kulturgeschichtlich“, schwärmt Imme. „Zur Einstimmung habe ich den berühmten Brief von Francesco Petrarca gelesen, der 1336 den Mont Ventoux bestiegen und darüber geschrieben hatte. Aber dies nur am Rande …“ Darüber hinaus schickte Imme ihre Unterlagen an den Club des Cinglés, den Club der Verrückten. In diesem sammeln sich Fahrradfahrer, die alle drei Asphaltrouten des Mont Ventoux innerhalb von 24 Stunden absolviert haben. Als Frau da reinkommen – das wär’s!, dachte sich Imme.

Karte auf den letzten Drücker

Doch an der Ausgabestelle für die Teilnahmekarten in Frankreich angekommen, wusste niemand etwas von Imme. Sie erfuhr statt dessen, dass sogenannte Last-Minute-Karten nicht ausgegeben werden, sondern die benötigten Stempelkarten ausschließlich mit etwas Vorlaufzeit über das Internet erhältlich sind. Nach ein paar Telefonaten wurde Imme glücklicherweise – und ausnahmsweise – das Teilnahme-PDF zugeschickt, das sie auf dem Campingplatz ausdrucken konnte.

Warten aufs Wetter

Imme hatte sich die „verrückte Tour“ ans Ende ihrer Urlaubswochen gelegt und zwei der Bergrouten bereits ausprobiert. Allerdings hieß es dann zunächst auf gutes Wetter warten. Denn auf dem baumlosen Mont Ventoux können Sonne und Wind den Radfahrern schwer zu schaffen machen. Schließlich war es so weit, Imme startete nachts um drei Uhr ab Malaucène. „Diese Route kannte ich noch nicht. Darum dachte ich: Wenn ich die schaffe, klappt das auch mit den beiden anderen Strecken“, erinnert sich die Powerfrau.

Unbekannte Tour zuerst

Mit der Stempelkarte in der Tasche, erreichte sie von Malaucène aus nach 21,2 km und 1.570 Höhenmetern um sechs Uhr früh das erste Mal den Gipfel. Es folgten eine kleine Pause und die Runterfahrt nach Bédoin, wo sich Imme um sieben Uhr früh den ersten Stempel in ihre Karte drücken ließ. Zwanzig Minuten später ging es ab Bédoin wieder hinauf – diese Stecke gilt als die schwierigste und ist legendärer Teil der Tour de France. 

Ganzer Tag Windstille

Um 10:40 Uhr war Imme oben angekommen, machte eine halbe Stunde Pause und sauste dann mit dem Gipfelstempel im Gepäck für den nächsten Stempel hinunter nach Sault. Kurz nach halb eins, mittlerweile in gleißender Sonne, fuhr sie die dritte und im Vergleich zu den anderen gemächlichste Route ab Sault retour bis zum Gipfel. „Den ganzen Tag hatte ich Glück mit dem Wind, er war einfach nicht da“, freut sich Imme, die nach einer glücklichen Abfahrt um 16:20 Uhr wieder Malaucène erreichte und sich den letzten Stempel eintragen ließ. Da hatte sich das Warten auf besseres Wetter wirklich gelohnt.

Einfach gefahren!

Vermutlich wegen der Corona-Situation wäre den ganzen Urlaub über eine gewisse Ruhe mit dabei gewesen. Sonst hätte sie bestimmt den Campingplatz häufiger gewechselt, um mehr vom Land zu sehen, und die Tour der Verrückten entweder gar nicht gemacht oder nicht geschafft. „So war ich einfach da, bei mir, und bin gefahren“, sagt Imme. „Ich bike, also bin ich. Das ist mein Motto.“

Ich bike also bin ich, Ich bike, also bin ich

Ich bike, also bin ich. Das ist mein Motto.

Lange Tour zur Vorbereitung

Alle Kilometer aus Frankreich sind auch in die Parallele Passion mit eingeflossen. Imme kam durch die Absage-Mail der Mecklenburger Seenrunde auf die Charity-Challenge Die Parallele Passion und meldete sich umgehend in diesem Strava-Club an. Am ursprünglich geplanten Termin der MSR fuhr sie dann einfach eine eigene lange Strecke: Von Braunschweig ging es nach Lüneburg. „Ich wollte 300 km schaffen. Zwar wurden es nur 290, denn ich hatte kein Licht dabei. Aber Sicherheit geht bei allem Ehrgeiz vor – und für den Mont Ventoux war ich dann trotzdem sehr gut vorbereitet“, freut sich Imme.

So viele Kilometer allein – einsame Wölfin? Imme lacht. Nein, sie sei gerne so unterwegs. Beziehungsweise müsse man ja erstmal auf Gipfelstürmer treffen, die solche Touren mitmachen und fröhlich bleiben. Das Team der Parallelen Passion wünscht Imme auf jeden Fall immer gute Fahrt und vermutet: Wer Petrarca liest, aufs richtige Wetter warten kann und dann den Ventoux dreimal mit so einer Leichtigkeit überquert, der schafft es vermutlich auch noch, Model zu werden.

Hier gehts zu Immes Strava-Profil.

Und hier zu ihrem Instagram-Profil.

0 thoughts on “Ich bike, also bin ich

    • Hey Stefan 🙂 danke für deinen Kommentar und auch vom Team der Parallelen Passion herzlichen Glückwunsch zu dieser “verrückten” Leistung! Wie auf deinem Blog zu erkennen ist, war das nicht deine einzige Herausforderungen auf dem Rad. Hättest du vielleicht auch Lust, auf unserem Blog damit zu erscheinen? Wenn ja, schreib mir gern eine Mail unter julia.walther@checkstone.com 🙂

  • Imme Mattern says:

    Hallo Stefan! Vielen Dank für deine Anerkennung. Entschuldige bitte, dass ich mich erst jetzt melde, aber ich bin in manchen Dingen „ein bischen Uschi“. Ja, dein Bericht ist ja auch ein richtiger Hingucker! Wow! Halten wir fest: dieser Berg hat etwas, wer ihm ins Auge schaut, ist fürs Leben gezeichnet, ihm verfallen! Sozusagen 😉. Ich bin an den Triple sehr intuitiv herangegangen, und eben taktisch: auf Windstille gelauert und früh an den Start. Da ich zuvor bereits 3 x oben war, wusste ich: mit Wind verteilt unser „charming boy“ mitleidslos schlimmste Körbe! Alles Gute und herzliche Grüße sendet dir Imme

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